Aus dem Tagebuch eines Marshalls XII

Also mal ganz ehrlich, ihr seid doch auch der Meinung, der Job eines Marshalls auf einem so wunderbaren Golfplatz, wie es der unsere ist, kann nur noch mit Urlaub auf dem Lande verglichen werden. Ein Traumjob, nur bei schönem Wetter, in der freien Natur und umgeben von schönen, wohlerzogenen Menschen, die einem der faszinierendsten Freizeitvergnügen, dem Golfsport, nachgehen. Und dafür bekommen die Wächter über den Spielbetrieb auf dem Platz auch noch Geld, Wahnsinn! Soweit die gern gehegte Illusion und die Idealisierung einer Arbeit, die allzu oft unterschätzt und doch so wichtig für den Club ist. Und eigentlich, seid aufrichtig, wollt ihr dieses Idealbild auch gerne behalten, wir Marshalls im Übrigen auch.

Nehme ich aber den Titel dieser Rubrik wirklich ernst, dann sieht die Geschichte doch etwas anders aus. Satirisch leicht überhöht stellt sich der Job als Himmelfahrtskommando dar!  Das fängt ja schon beim Aufstehen an. Rechtzeitig aufstehen ist angesagt. Der Radiowecker ist mit kalkuliertem Zeitpuffer so gestellt, dass die Verkehrsmeldungen sofort abgerufen werden. Der erste Weg führt ans Fenster und ein kritischer Blick gilt dem Wetter, arbeiten oder nicht? Noch vor dem Gang ins Bad wird der PC angeworfen, und während er hochfährt, ab unter die Dusche. Danach Blick auf das Wetter im Internet und auf die Bilder der Webcam des Clubs, wie sieht es draußen aktuell aus, sind schon Spieler am Start? Dieses morgentliche Ritual ist zeitlich perfekt durchgetaktet und entscheidet über alles Nachfolgende.

Schlechtes Wetter bedeutet, ganz gemütlich in die Küche schlendern, Kaffee aufsetzen, Toast in den Toaster und die Zeitung geholt. Der Morgen kann so schön sein.

Keine eindeutige Wettersituation, so wie heute, erfordert einen Anruf im Sekretariat zum Zwecke der Abstimmung. Die rund hundert Kilometer Luftlinie zwischen Neu-Ulm und Wörthsee können wettertechnisch Welten sein. Gutes Wetter heißt nichts anderes als nun aber schnell. Kaffee runtergestürzt, Klamotten gepackt und ab ins Auto und los. Kurz hinter Senden gemerkt, die Brezen zu Hause vergessen, extra gestern Abend noch gekauft, heute Abend werden sie hart sein, prima!

Hundertvierzig Kilometer Autobahn vor mir. Die A7 ist wie immer bis an die Kapazitätsgrenze ausgelastet. Zwei Spuren, auf der rechten ein Lastwagen am anderen, was die unter Sicherheitsabstand verstehen, erschließt sich mir nicht. Auf der linken Spur bestimmt der Langsamste das Tempo. Und es gibt ja so viele Langsamfahrer, im Zweifel ist es ein Lastwagen, der seine Kollegen mit einem Geschwindigkeitsüberschuss von 2 km/Std. überholt, und das dauert. Der Zeitplan gerät jetzt schon ins Wanken. Nur jetzt keine Baustelle und kein Unfall, dann ist bereits auf den ersten 40 Kilometern alles durcheinander. Autobahnkreuz Memmingen, rauf auf die A96 Richtung München. Noch ist alles im Lot, der Verkehr fließt geordnet dahin, die nur 3 km lange Baustelle verzögert kaum, die Geschwindigkeitsbegrenzungen werden mehrheitlich eingehalten, nur die Schweizer Bentleys und Ferraris ignorieren diese, die Strafen für zu schnelles Fahren stellen hier in Deutschland im Gegensatz zu den Schweizer Gebühren kein Verarmungsrisiko dar. Nach Mindelheim wird es dann immer voller, klar, hier beginnt das Einzugsgebiet für die Fernpendler, für all die armen Menschen, die sich das Wohnen in München nicht mehr leisten können oder wollen (so wie ich), die aber in München arbeiten (müssen). Ab Landsberg dann, wie gehabt, alles voll. Die vier Baustellen bis dahin habe ich zeitlich einkalkuliert, hier macht sich dann die lange Erfahrung mit dieser Strecke bezahlt, es kommt keine Hektik auf. Nach Schöffelding fließt der Verkehr, wenige Lastwagen, alles gut. Doch plötzlich kurz nach Greifenberg, stehender Verkehr, Warnblinker an und dank Sicherheitsabstand kein Problem, anzuhalten, der hinter mir Fahrende muss aber heftig arbeiten, um sein Gefährt mit quietschenden und rauchenden Reifen zum Stehen zu bringen, ich hatte mich schon auf einen Crash vorbereitet. Noch mal gut gegangen, Gott sei Dank.

Nichts geht mehr. Alles steht, vorbildlich die Rettungsgasse. Nun also warten. Nach gefühlt einer halben Stunde kommt auch schon die Meldung in Bayern 3, dass ein Lastwagen mal wieder die Höhenkontrolle des Inninger Tunnels ausgelöst hat und der Tunnel automatisch geschlossen wurde. Diese Information hat mir leider nicht geholfen, aber immerhin weiß ich nun, warum ich mir hier die Reifen platt stehe. Zeitgleich kommt ein Polizeifahrzeug mit Blaulicht und Martinshorn durch die Gasse gebrettert. Die Polizisten werden nun den Lastwagen in die Ausweichbucht geleiten und danach den Tunnel wieder freigeben. Während der Wartezeit habe ich im Sekretariat mein verspätetes Eintreffen angekündigt, dank der neuen elektronischen Starttafel können unsere freundlichen Damen dort vom Arbeitsplatz aus den Spielbetrieb organisieren. Welch ein Glück!

Während ich auf die Weiterfahrt warte, hat es leicht zu regnen begonnen. Der Niederschlag war mit einem gewissen Unsicherheitsfaktor für den Nachmittag angekündigt, nun war er schon eingetroffen, die Schlechtwetterfront wird sich erst 100 km weiter am Rande der Alpen stauen, leider nicht vor dem Inninger Tunnel, für das schlechte Wetter ist er nämlich kein Hindernis. Endlich geht es weiter, noch zehn Minuten, dann bin ich im Club und kann meine Arbeit aufnehmen. Wirklich? Inzwischen gießt es in Strömen, der Scheibenwischer arbeitet auf höchster Stufe, alle vernünftigen Autofahrer haben ihre Geschwindigkeit reduziert, bis auf die Schweizer, die wollen Tempo machen, dürfen sie doch zu Hause nicht, für diesen Spaß muss man auch mal was riskieren.

Sicher im Club angekommen, hat es sich gründlich eingeregnet, an Golf spielen ist nicht zu denken. Ich erstatte kurz Bericht, während ich genüsslich den köstlichen espresso doppio schlürfe, den mir heute die Michi freundlicherweise zubereitet hat. Die Entscheidung, heute auf die Dienste des Marshalls zu verzichten, ist schnell getroffen, wie es morgen wird, entscheiden wir in der Früh, wie immer. Ich verabschiede mich herzlich, denke mir, wie schön es ist, solche lieben Kolleginnen zu haben, und bin auf einmal wieder im ersten Absatz dieses Tagebucheintrags, denn der ist die Motivation dafür, dass ich diesen Job so liebe, die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. So sind wir halt, wir Golfspieler, unsere Motivation ist die Hoffnung auf den einen, ultimativ perfekten Schlag, den wir nie vergessen werden, wenn er uns dann dereinst gelingt.

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