Aus dem Tagebuch eines Marshalls – Folge 7

Was für ein Tag zum Golfspielen! Die Sonne steht wie gemalt am sommerlichen Himmel, Schäfchenwolken sorgen für kurzfristigen Schatten auf dem Fairway, ein laues Lüftchen bringt das hellgrüne Laub der Zweige in sanfte, schwingende Bewegungen. Hört es sich nicht an, als ob sich die Bäume flüsternd unterhalten? Ich lausche dem Gesang der Vögel und beobachte den kreisenden Flug der Bussarde, sicher haben sie ein oder zwei Junge zu versorgen und halten Ausschau nach Beute. Das Paradies kann nicht schöner sein, auch für einen Marshall auf dem Golfplatz nicht, der, wie ich gerade, seine Runden dreht und versucht, den Spielern auf dem Platz beste Voraussetzungen für ein schönes Spiel zu schaffen.

Doch heute ist alles irgendwie anders, ungewohnt. Es ist fast so, als ob die Spieler auf dem Platz von dieser Stimmung erfasst werden und sich dieser zauberhaften Atmosphäre des Frühsommers nicht entziehen können. Bereits an der Abschlagtafel sind die Spieler locker und gelöst, sie plaudern miteinander, schließen sich wie selbstverständlich zu Matches zusammen, warten die obligatorischen zehn Minuten, bis sie dem vor ihnen gestarteten Flight zügig hinterher spielen. Eine herrlich entspannte, lockere Situation am Start. Alle haben ein Lächeln auf den Lippen. Auch auf der Runde wirkt alles irgendwie fremd. Die Abstände zwischen den Spielergruppen sind angemessen. Eine Lücke, die durch Ballsuchen zwischen zwei Flights entstanden war, wurde durch zügiges Spiel rasch wieder geschlossen, der Flight dahinter hatte volles Verständnis und genoss für eine kurze Zeit die atemberaubende Aussicht Richtung Wörthsee. Doch halt, was seh’ ich da? Geht doch ein Spieler mit einem kleinen Gerät, das Pitchgabel genannt wird, auf dem Grün zu einer Stelle, wo sein Ball auf dem Kurzgemähten gelandet war, beugte sich herunter und beseitigt  die Pitchmarke. Welch‘ eine Überraschung, der Spieler tut dies ohne Aufforderung und freiwillig. Und er bückt sich sogar noch einmal und beseitigt eine zweite, die gar nicht von ihm stammte. Ich steige von meinem Bock und lobe den Spieler überschwänglich. Doch er winkt nur ab und sagt, das ist doch selbstverständlich und gehört zum Spirit des Spiels.

Und dann dämmert es mir. Jetzt weiß ich, was so anders ist als an den vielen Tagen zuvor. Es ist, als ob die Golfer auf einmal nicht nur die Regeln, sondern auch den Geist des Spiels, den Spirit eben, verinnerlicht haben und sich diesem wie selbstverständlich unterordnen. Und dabei merken sie auf einmal auch, wie schön das Golfspiel sein kann, wenn sich alle an die wenigen, aber sinnvollen Regeln halten.

Plötzlich wackelt es wie ein Erdbeben und ein Grollen dringt an mein Ohr: „Sigi! Aufstehen! Es ist Zeit, du musst auf den Golfplatz, du hast Dienst.“ Langsam mache ich die Augen auf, mag mich gar nicht von dem schönen Traum trennen. Schlaftrunken wuchte ich mich aus meinem Bett und gehe ans Fenster, heftiger Wind und strömender Regen, das Kontrastprogramm zu meinem Traum. Ich schleiche zurück ins Bett, kuschel mich in die Federn und versuche, den Traumfaden wieder aufzunehmen. Möge er niemals enden!

Dr. Schulte-Hostede Mai 2016